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Es gibt Highlights aus den Waldbriefen und viel Neues aus der Welt der Naturpädagogik , die darauf warten von euch gelesen zu werden. Dafür gibt es ab sofort unseren Blog.

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Es gibt auch schöne Langeweile…eine kleine Geschichte der Zeit

  • Langeweile fühlt sich für Menschen nutzlos an

  • Lieber sich einer unangenehmen Aktivität widmen als gar keiner

  • Erlebnisse können nicht in Naturangeboten gekauft werden

  • Langeweile ist heilend

Ich bin die Tage über das Wort „herumschildkröteln“ gestolpert. Eine wunderbare Wortkreation! Und lädt zu Wortspielereien und Gedankenbilder wie: herumkröteln, schildkröteln, die Kröte krötelt auf dem Schild herum, ein. Was mach ich wenn ich herumschildkrötele? Ich stell mir vor, ich bin eine Schildkröte und bewege mich langsam, gemächlich und ausdauernd auf dem Boden fort. Durch den Tag hindurch, mit aller Zeit der Welt. Schildkröteln meint, das zu tun, was man macht, wenn man viel Zeit hat.

Es ist ja interessant, was wir in unserer Gesellschaft alles unternehmen, um gegen Langeweile vorzugehen. „Langeweile ist eine Halbschwester der Verzweiflung“, sagte Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach. Wie verzweifelt sind wir? Es ist doch so, dass die Langeweile heute noch stärker mit den Methoden der Langeweile bekämpft wird. Die ständige Action, die man gegen die Langeweile organisiert, ist ja dermassen langweilig und schreit schier nach Verzweiflung durch alle Altersgruppen.

In Träumen spielt Zeit keine Rolle

Es gibt doch nichts Schöneres als schöne Langeweile. Es die Musse, die ich mir nehme. Die Zeit in der ich als Mensch nicht handeln muss, in der ich eben gar nichts muss. Es hängt kein schlechtes Gewissen der Produktivität über mir. Die hohe Schule der Langeweile, ist geprägt von Ruhe, ein ruhiges Geniessen von Gerüchen, Geräuschen und Fühlen. Es riecht nach warmer, feuchter und erdiger Erde, dazu fliegen ein paar Hummeln in ihrem unverwechselbaren Summton vorbei. Der Bach plätschert und blubbert und der Wind weht sanft vorbei, im Unterholz ein leises Rascheln, irgendwo klopft ein Specht. Das Banalste was zur Langeweile gehört - ist Zeit. Zeit dazusitzen, in der scheinbar nichts passiert und doch so viel geschieht. Die Frage ist, ob es einem gelingt, sich diesem Raum zu öffnen. Es fällt immer schwerer sich treiben zu lassen, Tagträumen mit seinen Gedanken allein zu sein.

Das Ernüchternde ist, Menschen fühlen sich nutzlos mit sich allein zu sein, es wirkt auf viele bedrohlich. Weil sie nicht mit sich selber zurechtkommen, sie können es nicht gut mich sich selber aushalten. Das berichtet eine Studie der „University of Virginia“, die eine Gruppe von Studenten, sechs bis 15 Minuten in einem Raum setzte, um ihren Gedanken nachzuhängen. Sie konnten das Sinnieren nicht geniessen.

In einem zweiten Versuch gaben die Wissenschaftler einigen Versuchspersonen die Möglichkeit, sich selbst einen leichten Elektroschock zu verabreichen, wenn ihnen das Nichtstun zu viel wurde. Knapp die Hälfte der Männer und Frauen entschieden sich dazu, sich selbst zu schocken. Sie widmeten sich also lieber einer unangenehmen Aktivität als gar keiner.

 

Zeit haben und die Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten

Wie nutzlos man sich in der Langeweile fühlt, hängt davon ab, wie das Verhältnis zu einem selbst ist und wie viel innere Aktivität man hat. Manche erschrecken sich, wie wenig kommt, wenn nichts von aussen kommt. Sie sind nicht fähig sich der Musse, einer Auszeit oder der Ruhe hinzugeben. Denn wo bleibt dabei die Nützlichkeit. Das Loslassen können ist ein grosses Problem.

Wir haben den Umgang mit der Zeit verlernt, weil wir im zeitlichen Getriebe der Gesellschaft sind. Und in diesem Uhrwerk kann man verlernen, auf seine innere eigene Zeit zu hören und mit sich selbst etwas anzufangen, statt nur zu funktionieren. Wenn ich mir Langeweile bewusst suche, dann suche ich Ruhe, kein fremdbestimmten Termine und Zeit für mich. Ich möchte dann an einem Platz sitzen oder wo ich nicht angestrengt nachdenken muss. Dasitzen und Leute beobachten, am Ufer den verschiedenen Wellenlängen zuschauen. Einfach die Seele baumeln lassen! Meine Aufmerksamkeit konzentriert sich auf eine Ameise, die am Boden krabbelt oder einem Stein, der bei jeder Welle überspült wird. Dieses Versinken in Gedanken, macht den Kopf frei. Es hilft gewisse Dinge mit Abstand zu betrachten, sich neben sich zu stellen und sich die Zeit zu nehmen, den Augenblick bewusst wahrnehmen zu können. Dadurch erlebt der Körper Entspannung und es wirkt heilend.

Die Natur wird begreifbar und sie werden in die Geheimnisse der Natur mitgenommen. Ein neues Gefühl, dass sich bei ihnen verankert. Diese unsichtbaren Kräfte, geformt aus Fäden und Muster bleiben uns verschlossen, wir sind gehetzt und gestresst und haben vergessen, auf uns selbst zu hören. Du, als Naturpädagoge – als Künstler – schenkst ihnen Momente, sie mit all ihren Sinnen wahrzunehmen. Sinne, denen die Gefahr droht abzustumpfen und die Brücke zur Natur völlig abbricht.

Erlebnisse können nicht gekauft werden, wenn es der Mensch nicht mit sich selber aushält

Diese Ursache, dass das herumschildkröteln vielen so schwerfällt, sollten wir uns auch bei unserer Arbeit mit Menschen in der Natur bewusst machen. Denn vielfach versprechen die ausgeschriebenen Naturangebote kurzweilige Erlebnisse. Sie erleben also jenes oder dieses. Da wir uns heutzutage alles kaufen können, laufen wir Gefahr, dass gewisse Teilnehmer meinen, das Erlebnis kaufen sie auch gerade mit. Wenn sie nun den Kurs buchen und nichts „Er-leben“, kommen sie aufgrund ihres Konsumverhaltens nicht auf die Idee, dass es an ihnen selbst liegen könnte, dass sie sich langweilen. Aufgrund der fehlenden Eigenreflektion hinterfragen sie nicht ehrlich, ob es vielleicht an ihnen selbst liegt, dass sie nicht er-leben.

Ich finde es daher auch wichtig, sich bewusst an den vier Ebenen des „Flow Learnings“ nach Joseph Cornell, bei der Arbeit mit Menschen in der Natur zu orientieren. Die einen sollen langsam herangeführt werden und die anderen nicht unterfordert sein.  

Buchtipp

Rüdiger Safranski erzählt in seinem Werk "Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen" literarisch, literaturgeschichtlich und philosophisch zugespitzt von der Zeit.

Ein Buch über das Leben: Was macht die Zeit mit uns? Und was machen wir aus ihr? Rüdiger Safranski ermutigt uns, den Reichtum der Zeiterfahrung zurückzugewinnen. Jenseits der Uhren, die uns ein objektives Zeitmaß vorgaukeln, erleben wir die Zeit ganz anders: in der Langeweile, bei der Hingabe, bei den Sorgen, beim Blick auf das Ende, streng gegliedert in der Musik und lose gefüllt beim Spiel. Und wieder anders im gesellschaftlichen Termingetriebe, in der beschleunigten Wirtschaftswelt, in den Medien, in der globalen Gleichzeitigkeit. Facettenreich beschreibt Safranski das Spannungsfeld zwischen Vergehen und Beharren und ermuntert uns, aufmerksam mit diesem wertvollen Gut umzugehen.

Fotos/Text  Nadja Hillgruber

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